Den Bogen spannen: The Camber dress

Als ich 1993 mit meinem Architekturstudium begann, war ich schnell zu einer Anhängerin japanischer Architektur geworden. Tadao Ando war damals DER Insidertipp. Nicht umsonst. Seine Ibaraki Kasugaoka Kirche lässt einem niederknien und sprachlos werden. Unabhängig der Konfession. Mein persönlicher Lieblingsbau ist aber diese Kirche: Die Glasfront lässt den Blick frei auf des Schöpfers Werk. Church on the Water, Tomamu, Hokkaidō

Dass nicht nur ich davon begeistert bin, zeigt diese Kirche in Österreich.

Vom japanischen Sichtbeton ist es bei zumindest grundlegend vorhandenem Interesse nur ein kleiner Schritt zur japanischen Holzbautradition. Auch Ando war eigentlich gelernter Zimmermann. Und ganz in der japanischen Handwerkstradition ist der Weg vom Lehrling zum Meister ein langer und vor allem durch unzählige Wiederholungen geprägter. Jedes Werkzeug wird geehrt. Jeder Handgriff hat Sinn. Seine Hände so weit zu schulen, dass sie mit dem Werkzeug die richtigen Bewegungen machen, gleicht dem Weg zum Meistermusiker.
Keine Rede von „mal so ausprobieren…“.
Wer so einen Zugang zu Details hat, der braucht keine schreienden Materialien. Eine japanische Holzverbindung ist außen nur eine kleine unauffällige Linie. Aber innen voller Überlegungen und vollendeter Handwerkskunst.
Soweit ich weiß, verhält es sich genau so mit Ikebana – dem Blumenstecken, der Teezeremonie oder Haiku – diesen minimalistischen Reimen, die in ihrer Vollendung so kurz sind, dass nichts mehr weg zu lassen ist.

Dieser Zugang zu Design ist für mich – mit einigen Irrwegen und Nebenfahrbahnen –  bis heute aktuell geblieben: Es geht immer um Materialien. Die besten, wenn irgendwie möglich. Respekt dem Material gegenüber heißt auch sorgfältige Wahl bei Mustern und Farbe. Wer sich der Herstellung eines Objekts mit dieser Haltung nähert, weiß, dass es sich hier nicht um eine Eintagsfliege handelt. Im besten Fall wird das Objekt sogar vererbt.
Nach der sorgfältigen Vorbereitung werden die einzelnen Schritten abgearbeitet. Mit Muse. Mit Pausen.
Wer derart handwerklich arbeitet, kommt bald zu dem Punkt wo wohldurchdachte Details geschätzt werden.

Und nun bin ich dort wo ich hin will.
Beim Camber dress.
Von Merchant & Mills.

Die beiden Briten habe ich voriges Jahr entdeckt und wer hier schon länger mitliest, hat vielleicht auch mit bekommen, dass ich ein paar ihrer herrlichen Nähaccessoires im Shop verkauft habe.
Mittlerweile ist Merchant & Mills gar nicht mehr soooo der Geheimtipp und auch die Österreicher können dank Alex vom Stoffsalon britisches Edelnähzubehör kaufen. Und nicht nur das.
Auch die herrlichen Stoffe und die wunderbaren Schnitte.

Und das Camber dress ist so ein Schnitt.
Mittlerweile habe ich Kleid Nr. 3 fertig genäht.

Kleid Nr. 1 habe ich beim letzten Nähwochenende der guten Alex quasi vom Leib ab nachgenäht.
Sogar in einem M&M-Stoff. Hab noch mal vielen vielen Dank liebste Alex!!!

Kleid Nr. 2 habe ich dann gleich zu Hause genäht. Ein verunglückter Versuch eines eigenen Designs dümpelte am Boden der Nähtruhe vor sich hin. Der Stoff (auch von Alex) war viel zu gut um das Kleid einfach so ins Jenseits zu befördern. Aber der Schnitt war mies…. Camber war die Rettung.
Und ich eine gut gekleidete Mutter bei der Erstkommunion meiner älteren Tochter.

Und irgendwann habe ich einen sehr schönen Streifenjersey, eigentlich Sweatshirtstoff von Thesweetmercerie bekommen. Er war zu fest für ein normales T-Shirt, aber was tun damit???

Die Wartezeit hat sich ausgezahlt. Irgendwann finden die Dinge zueinander. Man muss ihnen nur die Zeit dazu geben.
Keine Angst. Ich bin nicht erleuchtet. Ich denke so was wirklich. Eigentlich. Ich habe nur im ganz normalen Alltag selten die Geduld dafür. Oder ich bin so hektisch und laut unterwegs, dass diese leise Stimme ganz hinten null Chance hat mir diese Weisheiten zu flüstern.
Und dann gibt es eben die Momente, wo ich eigentlich im Nachhinein feststellen muss, dass alle Zutaten gut sind, alle Schritte in der richtigen Chronologie gemacht wurden – und äußere Umstände mich irgendwie davon abgehalten haben, alles durch Hast und Übermut zu verderben.

Und das Ergebnis ist eben jetzt noch ein Camber.
Kleid Nr. 3.
In genau diesem Streifensweat.

Was soll ich sagen?
Perfekt.

Das einzige was ich die von M&M mal gerne fragen wollen würde, wäre: WARUM Camber?
Camber heißt soviel wie leichte Wölbung nach oben…hä???

5 Kommentare

  1. Sehr schöne Kleider (toller Stoff bei Nr. 2) und danke für das Schließen meiner Tadao-Ando-Bildungslücke! Im Gegenzug kann ich vielleicht bei Camber weiterhelfen: M&M sitzen ja in Rye, einer kleinen Stadt in Kent, nicht weit davon gibt es einen wunderschönen Strand namens Camber Sands. Ich vermute, daher kam die Inspiration. Gruß aus Hamburg von Valeska

  2. Danke für den interessanten Post! Schöne Architektur und ein toller Schnitt für ein Kleid, genau meins. Schlicht , schön.
    LG
    Christine

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