Mandarin…oder ein Ausflug zu Unserer kleinen Farm

Quilt ist die Bezeichnung für zwei Lagen Stoff, die miteinander verbunden werden.
Meistens ist auch noch eine Lage Füllstoff dazwischen.
Die Technik geht zurück bis ins Mittelalter. Bekannt sind unter anderem auch ganze Rüstungsanzüge. Die blecherne Ritterrüstung dürfte wohl nicht ganz bewegungsfreundlich gewesen sein.

Die Handwerkskunst hinter dem Quilten ist hierzulande besser als Patchwork bekannt. Denn sehr oft wird die „Oberseite“ dieser zwei Stofflagen kunstvoll aus vielen kleinen Stoffstücken zusammengesetzt. Die Amerikaner haben wohl unangefochten die Vormachtstellung in dieser nie wirklich aus der Mode gekommenen, aber sich in letzter Zeit wieder größerer Beliebtheit erfreuenden Technik.
Eine der letzten Revivals hat Quilten und alles drum herum wohl in den späten Siebzigern, frühen Achtzigern erlebt: Ich sage nur Holly Hobbie. Oder Sarah Kay. Oder Unsere kleine Farm und Die Waltons.

Holly Hobbie
Unsere kleine Farm
Barbie-Konkurrenz Familie Sonnenschein
Burda November 1977

Man denke an die amerikanischen Siedler, die unter großen Entbehrungen im wilden Westen Pionierarbeit geleistet haben. Zusammengeschweißt durch die große Not, die Wildnis und die ungewisse Zukunft war die Familie nicht nur Vater, Mutter, Kind sondern eine Überlebensgemeinschaft, in der jedes Mitglied eine wichtige Aufgabe hatte. Der Sonnenuntergang beendete die Arbeit außer Haus, drinnen ging es weiter und das mit Sicherheit verklärte Bild der an einem großen Tisch versammelten Familie, die nähende (quiltende?) Mutter, der holzschnitzende Vater, drängt sich auf.
Nach den Roaring Sixties und den Freiheitskämpfen der Frauen gab es wohl eine Sehnsucht die plastikdominierten 60er, die superminikurzen aufständigen Frauen mit ihren auftoupierten Haarsprayfrisuren durch etwas mehr Naturverbundenes zu ersetzen. Weg mit harten Tüten-BH und Dauerwelle!
Die 68er.
Und bis Wellen sich so weit verbreiten, dass sie massenwirksam werden, dauert es seine Zeit.
Und die muss es gebraucht haben, bis eben Ende der 70er Volksschulkinder wie ich damals mit Holly Hobbie und Sarah Kay und Patchwork bekannt gemacht wurden.
Und es war offenbar nur ein kleiner Schritt von den ganzen kleingeblümten hochgeschlossenen Kleidchen im Farmerstil zu Steppmänteln, Steppwesten…und: Steppjacken!

Dabei – will man der Firma Husky glauben – waren Steppjacken, also quilted jackets ein Produkt eines aus der Armee ausgeschiedenen anglophilen Amerikaners, der in den 60ern nach Großbritannien ausgewandert ist. Als begeisterter Jäger und mit dem Hintergrund eines Militärs hatte er wohl rasch eine Idee für eine leichte, aber doch wärmende Jacke: Quilte (also verbinde) halbwegs wasserabweisenden Außenstoff mit Fülllage und Innenstoff. Mr. Gulyas war wohl auch ein cleverer Marketingmensch. Ein Jäckchen an die Queen geschickt und voilá: schon rennt halb England mit diesen typischen Steppjacken mit Cordkragen herum. Naja, kurz gefasst.

Wieder zurück in die späten 70er. Mit all diesen Hintergründen ist das kleingeblümte Steppjäckchen mit Schrägbandeinfassung vielleicht ein wenig verständlicher.

Burda 1977 und eine Hertie Anzeige aus der gleichen Zeit

Und weil Mode ein ewiges Aufkochen bereits Dagewesenem ist, gibt es auch jetzt wieder erste Anzeichen für kleingemusterte Steppjäckchen mit Schrägband.

Und weil ich ein Kind der 70er bin, ist es kein Wunder, dass da sofort etwas in mir angesprungen ist. Ich kann mich nicht erinnern ein vergleichbares Kleidungsstück besessen zu haben, auch meine Mutter hatte zwar einige Bekleidungspreziosen, die junge Damen von heute in helles Verzücken ausbrechen liese, aber nein, nichts Gestepptes.

Daher schwelte nun schon seit ein paar Jahren in mir der Wunsch so eine Jacke zu nähen. Mehr noch – ein Schnitt sollte es sein. Also ein Schnitt und eine Anleitung.
Aber es brauchte erst ein paar Gespräche am letzten Burgnähwochenende über Kate Davies und ihre von mir (und anderen) so sehr bewunderten Anleitungen.
Und die Erkenntnis, dass diese Anleitungen definitiv NICHT für Anfänger gedacht sind. Und die Erkenntnis in mir, dass es legitim ist, AUCH einmal einen Schnitt und Anleitung zu entwerfen, die AUCH NICHT für Anfänger gedacht ist.

Und nach diesem Versuch ein wenig die Herkunftsgeschichte der gequilteten Jacken zu erörtern, ist es wohl Zeit MEINE Version vorzustellen:

Asien ist eine weitere Inspiration. Aber auch die ist nicht von mir. Auch die fußt in den 70ern.
Was MICH persönlich neben all diesen Erinnerungen so anspricht ist, die Arbeit, die in diesem Jäckchen steckt.
Zunächst das Quilten.
Dann werden alle Nähte innen mit Schrägband versäubert – sonst würde man da und dort die Watteeinlage sehen. Wäre nicht schön.
Die Technik erinnert mich an das traditionelle Nähen eines Dirndlleibls.
Keine Angst, hier muss man nicht mit der Hand nähen.
Schmaler Zweinahtärmel. Traditionell eingesetzt.
Kleine Schlaufen verschließen das Jackerl.
Allein diese lassen mein Herz höher schlagen.

Die Anleitungsbilder sind geknipst. Nun geht es an die Schreibarbeit…

2 Kommentare

  1. Ja, so eine Jacke finde ich auch toll. Deine sieht gut aus, schöne lange Ärmel kleiner Stehkragen, das gefällt mir gut. Und dein Tragebild ist köstlich… man möchte dich grad an die Hand nehmen und die Strumpfhose hochziehen :-))
    liebe Grüße
    Christine

  2. Das könnte die Jacke sein, nach der ich schon lange suche! Wunderbar! Bitte denk doch beim Gradieren auch an die kleinen Dünnen und nimm Größe 34 dazu 🙂
    So schön aus dem Double Gauze!
    Herzliche Grüße,
    Steffi

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